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Die Töne der Stille

Passend zur fortgeschrittenen Zeit im Jahr bedeckt Väterchen Frost die kahlen Äste und zur Ruhe gekommenen Wiesen mit Raureif, sodass der Boden bei jedem Schritt knistert. Die Vögel ziehen in Scharen zu den Futterhäuschen, während sie lautstark zwitschern und tschilpen, wenn sie einander in die Quere kommen. Und wenn mit dem Frost auch noch Nebel bis zum Boden sinkt und die feuchte Kälte bis in die Knochen dringt, kann man manchmal die Zähne klappern hören. Stille ist nicht lautlos, Stille hat Töne und das Hören gehört in der TCM zum Winter. 

Der Rückzug der Natur, die ihre Säfte in die Wurzeln absenkt und so ihre Kräfte bewahrt und für den nächsten Frühling sammelt, geht uns mit gutem Beispiel voran, wie wir selber in der Ruhe Kraft sammeln können. Mein Schwiegervater sagt immer: "In der Ruhe liegt die Kraft". Wie recht er hat: ohne mich zu sammeln, zerstreue ich meinen Fokus und verliere Energie - laut TCM sogar essentielle Lebensenergie. Dem chinesischen Winter werden die Organe Niere und Blase zugeordnet. Dazu muss man wissen, dass die chinesische Medizin davon ausgeht, dass in den Nieren unser Lebensfeuer, unsere Lebensenergie sitzt, die uns bei der Geburt von unseren Eltern mitgegeben wird. Diese Energie verbraucht sich während des Lebens - je weniger wir mit dem Rhythmus der Natur leben umso schneller. Vorzeitige Alterung und Krankheitsgeschehen sind die Folge. Der Winter lädt uns dazu ein, uns auf unser Inneres, unser Yin, zu besinnen und es mit Ruhe und Stille und, ja, Inaktivität zu nähren.

 

Nun sind konsumententechnisch und wirtschaftlich gerade die Monate November und Dezember Hochsaison für die umsatzstärkste Zeit im Jahr. Gleichzeitig schließen die meisten Unternehmen ihr Wirtschaftsjahr ab, was deren Mitarbeiter häufig an ihre Leistungsgrenzen treibt. Von Ruhe, Rückzug und Kraft sammeln so weit entfernt, wie zu keiner anderen Zeit des Jahres. Entgegen unseren Biorhythmus, entgegen das Gesetz der Natur, entgegen unsere Lebensenergie. Will ich das ändern? Kann ich das ändern? DARF ich das ändern? 

"Ruhe, Stille und Langeweile sind nicht negativ. Sie sind sogar Voraussetzung um glücklich zu sein." (Bertrand Russell)

Jeder hat in seinem Umfeld die Möglichkeit zu ändern, was ihm nicht guttut, in jeder Situation, zu jeder Zeit, unter jedem Umstand. Wenn an einer Stelle im Leben Rückzug und Kraft sammeln nicht möglich ist (z.B. im Büroalltag), dann gleiche ich an einer anderen Stelle im Tages- bzw. Wochenablauf diesen Überschuss von Yang (Aktivität) aus. Mein Mann meint, dass ein Spaziergang so richtig langweilig wäre: zu langsam, zu unspektakulär, zu eintönig. Ein Spaziergang ist haargenau das Richtige zum Abschalten, zum Verlangsamen, zum Spannungsabbau, zum Alleinsein, zum so Sein. Wenn ich nicht laufe, gehe ich mit meinem Hund spazieren - ohne Ziel, ohne Zeitlimit, ohne Leistungsabsicht. Oft sind es dieselben Wege und nie nehme ich das Gleiche wahr, aber immer bin ich allein, ruhig und still, vielleicht phasenweise sogar ein wenig gelangweilt. Selbst an Tagen, die bis zum Rand voller Pläne sind, finde ich diese eine Stunde Zeit draußen in der Natur. Yoga, Meditation, Massagen, warme Fußbäder, ausreichend Schlaf zählen ebenfalls zu den Yin stärkenden Maßnahmen. Wir können Ausreden schaffen, was uns daran hindert in die Innenschau zu gehen, oder wir können Verantwortung für uns selbst übernehmen und unseren naturgegebenen Bedürfnissen den notwendigen Raum geben. Damit beugen wir nicht nur einer Überbelastung vor sondern auch Existenzängsten. Gerade die Flut der konstanten medialen Berichterstattung über die vorwiegend negativen Ereignisse und Zustände weltweit geht uns an die Nieren und verursacht Ängste und Sorgen. Aus diesem Grund lebe ich seit zwanzig Jahren ohne Massenmedien: keine Zeitung lesen, keine Nachrichten gucken, kein Radio hören. Selbst in Krisenzeiten macht es Sinn, sich nicht wahllos mit Informationen zuzudröhnen, besser noch: die Art und Frequenz des Medienkonsums bewusst zu wählen und seinem Geist genug Medien freie Phasen zu gönnen. So kommen wir zur Ruhe und sammeln und bewahren unsere Kräfte. Und wir sind wieder in der glücklichen Lage die Stille mit ihren leisen Tönen zu hören.