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Sei eine Schale / Be a bowl

Zu Silvester blickt man auf Vergangenes zurück, zieht Bilanz und richtet sich auf die kommende Zeit aus. Wer nicht im blinden Brauchtum verfällt, sondern bewusst diese Schwelle des Übergangs nutzt für die innere Ausrichtung, erlebt die Zeit der dünnen Schleier zwischen der alltäglichen und nichtalltäglichen Wirklichkeit für seine Entwicklung hin zu dem Menschen, der er gemeint ist zu sein. Sich an Äußerlichkeiten zu orientieren mag kurzfristige Vorteile mit sich bringen, aber der wahre Gewinn ist das Hinhorchen auf das, was das Herz vor Jubel hüpfen lässt. Oft ist es das Gegenteil von dem, wie andere dich haben oder nutzen möchten. Oft schmerzt es gewaltig, weil Trennungen und Loslassen - von Menschen, Besitz, Arbeitsplätzen, Wohnsituationen, Lebensplänen - dafür notwendig werden. Oft setzt du dich damit der Kritik anderer aus, oft erfährst du Widerstände aufgrund von Bewertungen, oft ist es herausfordernd, bevor es leicht wird. 

Aber eines ist gewiß: Nichts ändert sich, wenn du nichts änderst! An dir selber musst du die Änderung vornehmen, damit ändert sich deine Haltung, deine Wahrnehmung, deine Achtung und dein Respekt vor dir selbst. Und damit ändern sich deine Umwelt, deine Mitmenschen, deine Lebensumstände. Die oft benutzte Floskel des gesunden Egoismus darf gelebte Wertschätzung dir selbst gegenüber werden: Wertschätzung gegenüber deinem Körper, Wertschätzung gegenüber deiner Kreativität, Wertschätzung gegenüber deiner Leistung, Wertschätzung gegenüber deiner Intelligenz. Sei ein Gefäß und fülle es mit Wertschätzung, Liebe und Respekt dir gegenüber - und gib solange nichts davon her, solange dein Gefäß, also du, nicht damit übervoll bist! Wie machst du das? Schenke dir Zeit und Aufmerksamkeit, gehe nicht stur deinen Pflichten nach oder hake To-Do-Listen ab, wenn du im Moment viel lieber etwas anderes machen möchtest; betreibe Sport, wenn du Spaß daran hast, und erlaube dir nichts zu tun, wenn dein Geist oder dein Körper danach verlangen; mute deiner Familie ruhig zu, für ein paar Stunden ohne dich zurecht zu kommen oder selbst für Mahlzeiten zu sorgen; teile Verantwortung; verwirf deinen Plan und deine Idealvorstellungen, wenn sie dich daran hindern, den Moment zu genießen. Alles, was nicht dem Leben dient, darf gehen. AHO!

 

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,

der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,

während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,

ohne eigenen Schaden weiter, denn sie weiß,

dass der verflucht ist, der seinen Teil verringert

 

Wir haben heutzutage viele Kanäle und sehr wenige Schalen.

 

So viele Menschen haben eine so große Liebe in sich, dass sie viel lieber ausgießen möchten, als dass ihnen Liebe eingeschenkt wird.

Diese Menschen sprechen lieber, als dass sie hören.

Sie sind sogar bereit zu lehren, was sie selbst nicht gelernt haben.

Es sind Menschen, die sich über andere erhöhen müssen, 

ohne dass sie sich selbst regieren können.

 

Lerne du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluß, wird sie zur See. Du tue das Gleiche!

Zuerst anfüllen und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,

nicht auszuströmen.

 

 

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.

Du sollst nicht reich werden, wenn ich dabei leer werde.

Wenn ich kann, helfe ich dir aus meiner Fülle.

Wenn nicht, schone ich mich.

Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle.

Wenn nicht, schone dich.

Wenn du nämlich mit dir schlecht umgehst, wem bist du dann gut? 

(Bernhard von Clairvaux)

 

At New Year's Eve, we look back on what has passed, take stock, and align ourselves toward the time ahead. Those who do not fall into blind tradition, but consciously use this threshold of transition for inner orientation, experience the time of thin veils between everyday reality and the beyond as a moment of growth - a step toward becoming the person they are truly meant to be. To focus on outward appearances may bring short-term gains, but the real reward lies in listening closely to what makes the heart leap for joy. Often, this is the opposite of what others want from you or how they wish to use you. Often, it brings deep pain, because partings and letting go— of people, possessions, jobs, homes, life plans — become necessary. Often, you expose yourself to the criticism of others; often, you face resistance born of judgment; often, it is challenging before it becomes easier.

 

 

But one thing is certain: Nothing changes if you don’t change! You must make the change within yourself—only then will your attitude shift, your perception, your self-regard, and your respect for yourself transform. And with that, your environment, your relationships, and your life circumstances will change as well. The often-used phrase of “healthy selfishness” may become a lived reality—a genuine appreciation for yourself: appreciation for your body, appreciation for your creativity, your achievements, your intelligence. Be a vessel, and fill it with appreciation, love, and respect for yourself—and give none of it away until your vessel, that is, you, are overflowing with it! How do you do this? Give yourself time and attention; don’t stubbornly follow duties or tick off to-do lists when in the moment you’d much rather do something else. Exercise when it brings you joy, and allow yourself to do nothing when your mind or body demands it. Allow your family to manage without you for a few hours, even to prepare their own meals. Share responsibilities. Let go of your plans and ideals if they keep you from enjoying the moment. Anything that does not serve life may be released.

 

 

 

 

 

If you are wise, be a bowl, not a channel.
The channel takes in and pours out in one breath,
but the bowl waits—patient, still—until it is full.
Only then does it give, not in haste, not by force,
but from the overflow—freely, and without loss to itself.
For it knows: cursed is the one who lessens their own portion.

 

In our time, there are many channels, and few bowls.

 

So many carry deep wells of love,
yet would rather pour out than be filled.
They speak more than they listen,
teach what they have not yet learned,
and raise themselves above others
without first learning to govern themselves.

 

Learn to pour only from fullness.
Do not strive to be more generous than God.
The bowl imitates the spring—
only when saturated does it flow into the river,
and only then become the sea.
Do the same: fill first, then pour.
For true love—wise, and kind—does not empty itself;
it overflows.

 

I do not wish to grow rich if it leaves you empty.
Nor should you grow rich at the cost of my depletion.
If I can, I will give from my abundance.
If not, I will tend to myself.
If you can, give from your fullness.
If not, care for yourself.
For if you treat yourself poorly—
who, then, truly benefits from your love?

(Bernhard von Clairvaux)