"Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen." (Astrid Lindgren)
Wenn wir gefragt werden, was wir machen, während wir stundenlang in eine Richtung segeln, antworten wir meistens: "Nichts. Wir schauen aufs Wasser." Erst wenn wir uns an die Entschleunigung, die das Segeln mit sich bringt, nach ein paar Tagen gewöhnt haben, nehmen wir zwischendurch den Blick vom Horizont und stecken unsere Nasen in ein Buch oder spielen Schach. Am Schiff gibt es nicht viel zu tun. Zeit, wie wir sie an Land kennen, komprimiert und immer viel zu wenig davon, dehnt sich auf dem Meer aus und verbindet sich mit der Umgebung. Sie steht nicht still, sie läuft nicht davon - sie ist. Die Geschwindigkeit der Wellen, der Strömungen und des Windes scheinen unseren Geist nicht zu überfordern sondern ihm zu schmeicheln. Zufriedenheit stellt sich ein und ein wunschloser Glückszustand. Während des Segelns fühlt sich Zeit wie Ewigkeit an.
Ganz anders an Land. Da ist Zeit wie eine Währung, die an Wert verliert, wenn wir sie nicht produktiv nutzen. Zum Beispiel in einer zweistündigen Pause zwischen zwei Vorlesungen an der Uni: in die Bibliothek gehen und arbeiten oder in der Herbstsonne sitzen und dem eben Gehörten nachhängen, den Geist zur Ruhe kommen lassen und entspannen? Was davon bewirkt eine Wertsteigerung der Zeitwährung? Carpe diem - nutze den Tag! Das ist ja grundsätzlich ein sehr guter Rat, den Tag zu nutzen, aber er bedeutet nicht, den Tag mit Arbeit voll zu stopfen. Die Sonnenstrahlen genießen, dem Vogelgezwitscher lauschen, den Frühnebel im Gesicht spüren, das Pferd auf der Weide beobachten - das ist gleichermaßen genutzte Lebenszeit.
Und dann ist da die gewonnene Zeit, ein Lieblingsthema von meinem Mann und mir. Der Einfallsreichtum zur Zeitoptimierung reicht bis ins kleinste Detail des Tagesablaufes - ein wundervolles Beispiel ist die Bestecklade des Geschirrspülers, die beim Ausräumen Zeit spart, weil Messer, Gabel und Löffel so organisiert sind, dass sie mit wenigen Handgriffen wieder in der Küchenlade verstaut sind. Nun haben wir Zeit gespart (wir erinnern uns: Zeit ist ja eine Währung). Zahlen wir die gewonnene Zeit auf ein Zeitsparkonto ein: dreißig Sekunden beim Ausräumen des Geschirrspülers gespart, zwanzig Sekunden durch das Überholen eines 5km/h langsameren Autos, siebzehn Sekunden durch das Vordrängen bei der Wursttheke usw. Wenn wir großzügig rechnen, sind es am Ende des Tages vielleicht dreißig Minuten - was machen wir mit der gewonnenen Zeit? Carpe diem - nutzen wir diese Zeit so, dass sie wertvoll wird oder verstreicht sie unbewusst und ungenutzt?
Einer meiner Lieblingssprüche lautet:
"Ruhe, Stille und Langeweile sind nicht negativ. Sie sind sogar Voraussetzung, um glücklich zu sein."
- Bertrand Russell
Immer produktiv zu sein kann bis zu chronischem Stress führen, den wir als solchen überhaupt nicht mehr wahrnehmen, weil er zu einem Teil von unserem Sein geworden ist. Ruhe und zelebrierte Langeweile findet in unserem modernen Tagesablauf keinen Platz mehr.
Inspiriert von den vergangenen sonnigen Herbsttagen möchte ich uns alle erinnern, dass es in Ordnung ist nicht ständig effizient zu sein. Carpe diem - nutze den Tag: für eine Steigerung deines Wohlbefindens, für ein Auftanken deiner Energiespeicher, für mehr Freude an deinem Alltag.
"...und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen."
"And then you also need to have time to just sit and stare into space." (Astrid Lindgren).
When we're asked what we do while sailing in one direction for hours on end, we usually reply: "Nothing. We watch the water."
It's only after a few days—once we've adjusted to the deceleration that sailing brings—that we occasionally lift our gaze from the horizon and bury our noses in
a book or play chess.
There isn't much to do on the boat. Time, as we know it on land—compressed and always in short supply—stretches out at sea and blends with the surroundings. It doesn't stand still, it doesn't run away—it simply is.
The pace of the waves, the currents, and the wind doesn’t overwhelm the mind—it soothes it. A quiet contentment settles in, a state of bliss free of desire.
While sailing, time feels like eternity.
Life on land is quite different. There, time is like a currency that loses value if we don’t use it productively.
Take, for example, a two-hour break between university lectures: should we go to the library and get some work done, or sit in the autumn sun and reflect on what we’ve just heard—let the mind settle and unwind? Which of these choices increases the value of our "time currency"?
Carpe diem – seize the day! It’s undoubtedly good advice to make the most of your day, but it doesn’t mean cramming it full of work. Enjoying the sunshine, listening to birdsong, feeling the morning fog on your face, watching a horse grazing in a field – that too is time well spent.
Then there’s the concept of gained time—a favorite topic of mine and my husband’s.
Our creativity when it comes to optimizing time stretches into the smallest details of daily life. A wonderful example is the cutlery drawer in the dishwasher:
it’s organized so efficiently that unloading it takes only a few swift movements—knives, forks, and spoons all go straight into the drawer. Time saved!
(And let’s not forget: time is a currency.)
So, do we deposit this saved time into some sort of time savings account? Thirty seconds saved unloading the dishwasher, twenty seconds by overtaking a car going 5 km/h slower, seventeen seconds by skipping ahead at the deli counter, and so on.
If we’re generous with our math, we might end up with thirty extra minutes at the end of the day. What do we do with that gained time? Carpe diem—do we use it in a way that gives it real value, or does it slip away unnoticed and unused?
One of my favorite quotes is:
"Tranquility, stillness, and boredom are not negative. In fact, they are essential for happiness."
— Bertrand Russell
Always being productive can lead to chronic stress — stress we no longer even recognize as such, because it has become part of who we are. Stillness and intentional boredom no longer have a place in our modern routines.
Inspired by the recent sunny autumn days, I’d like to remind us all that it’s perfectly okay not to be efficient all the time.
Carpe diem – seize the day: for boosting your well-being, for recharging your energy, for bringing more joy into your everyday life.
"...and then you also need to have time to just sit and stare into space."