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Ein zahnloser Tiger

Im Buch "Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft" von Bas Kast erzählt er von einem Experiment von Antoine Bechara von der University of Southern California in Los Angeles. In diesem Experiment entdeckten die Forscher erstmalig experimentell, wie weit unsere Intuition dem Verstand voraus sein kann. Der Versuch ging wie folgt:

 

Eine Testperson nahm an einem Tisch Platz, auf dem vier Kartenstapel lagen, zwei blaue und zwei rote. Sie wurde aufgefordert, nach und nach eine Karte ihrer Wahl umzudrehen. Auf der Rückseite jeder Karte stand ein Dollarbetrag, den man entweder einstreichen durfte oder abgeben musste. 

Was keiner wusste: Die roten Karten gingen zwar oft mit hohem Gewinn einher, hin und wieder aber befand sich unter ihnen auch eine "Strafkarte", die eine horrende Geldbuße mit sich brachte. Bei den blauen Karten fiel der Profit geringer aus, dafür hielten sich hier auch die Verluste in Grenzen. Antoine Bechara und seine Kollegen hatten das Kartenspiel so arrangiert, dass es auf lange Sicht günstiger war, sich von den sicheren blauen als von den risikoreichen roten Stapeln zu bedienen. 

Vor dem Spiel klebten die Forscher an den Testpersonen noch ein paar Elektroden fest, um ihre Hautleitfähigkeit zu messen, die immer dann steigt, wenn man nervös wird und anfängt zu schwitzen - eine Art Lügendetektor. 

Endlich konnte das Spiel beginnen. Zunächst war keinem der Spieler klar, welcher Stapel wie viel Gewinn abwarf, und man zog munter drauflos. Runde um Runde verging. 20, 30 ja sogar 40 Karten später hat immer noch keiner das Spiel durchschaut. Erst nach der fünfzigsten Karte äußerten einige den Verdacht, die roten Stapel seien "irgendwie riskant". Dann warfen die Wissenschaftler einen Blick auf den Lügendetektor. Verblüfft stellten sie fest, dass sich das Gerät bereits kurz nach Spielbeginn gemeldet hatte. Schon ab der ZEHNTEN Karte hatte der Detektor Alarm geschlagen: immer dann, wenn die Spieler kurz davor gestanden hatten, eine rote Karte umzudrehen, waren sie ins Schwitzen gekommen! Als hätte etwas in ihnen sie vor der Gefahr warnen wollen. Und tatsächlich hatten die Spieler ab der zehnten Karte begonnen, die roten Stapel zu meiden und die blauen zu bevorzugen, obwohl ihnen das nicht bewusst war. 

Ganze 40 Karten also bevor die Spieler SAGEN konnten, dass die roten schlecht für sie waren, AHNTEN sie dies. IHR BEWUSSTER VERSTAND TAPPTE NOCH IM DUNKELN, DA HATTE DAS UNBEWUSSTE DIE GEFAHR LÄNGST GEWITTERT UND SIE VERANLASST, IHRE STRATEGIE ZU ÄNDERN. 

 

Einige Zeit später wiederholten die Forscher das Spiel - diesmal aber nicht mit gewöhnlichen Testpersonen, sondern mit Patienten, die unter ähnlichen Stirnlappenschäden und Gefühlsstörungen litten wie Elliot, der Mann ohne Emotionen.

Da bot sich gleich die nächste Überraschung: weder schlug bei den Stirnlappen-Patienten der Lügendetektor aus, sobald sie nach den Stapeln mit den roten Karten griffen, noch änderten sie im Laufe des Spiels ihr Verhalten. 

Was besonders merkwürdig war: es mangelte den Stirnlappen-Patienten nicht etwa an Einsicht. Auch sie durchschauten irgendwann das Spiel und trotzdem griffen sie weiter zu den roten Karten. Es war, als vermochte der Verstand ohne das Gefühl nichts gegen das Verhalten auszurichten.

Auch Elliot stürzte sich geradezu hemmungslos auf die gefährlichen Stapel und war schon nach halber Spieldauer pleite. Mit seinem messerscharfen Verstand konnte er das Spiel bald haargenau erklären, und doch half ihm diese sterile Erkenntnis nicht dabei, seine Strategie zu ändern - als sei der Verstand ohne die unterstützenden Emotionen nur ein zahnloser Tiger, unfähig das, was er für richtig hält, auch durchzuziehen. Unsere Gefühle sind also buchstäblich entscheidend.

 

P.S: Elliot war in den 1970er Jahren ein Patient von Antonio Damasio und ging in die Geschichte der Neurologie ein. Elliot war ein Jurist und liebevoller Familienvater, als er wegen eines Gehirntumors direkt hinter der Stirn operiert werden musste. Der Tumor und ein Teil des Stirnlappens wurden entfernt. Der Eingriff veränderte Elliots Persönlichkeit grundlegend. Ihm waren jede Art von Gefühlen, positive wie negative, vollkommen abhanden gekommen. Keine Angst, keine Freude, keine Trauer, keine Liebe, keine Wut. Trotz gleichgebliebenem hohen IQ konnte er keine einzelne Tätigkeit ausführen wie früher, weil er ständig das übergeordnete Ziel aus den Augen verlor. Er verhielt sich komplett unvernünftig, bis zu seinem finanziellen und sozialen Bankrott. Das Ausbleiben der Gefühle machte ihn nicht zum Weisen, wie es die Philosophen der Antike propagiert hatten, sondern zum Tölpel.

Quelle: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft von Bas Kast