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Das gute Leben

Sicherlich wird niemand, den wir fragen, ob er oder sie ein gutes Leben führen will, zögern ja zu sagen. Gibt es denn Menschen, die kein gutes Leben leben wollen? Ich stelle daher die Behauptung auf, dass jeder Mensch ein gutes Leben führen will. Wenn es um die Frage geht, was ein gutes Leben ist, endet an diesem Punkt wahrscheinlich die Einigkeit darüber. Ist die Definition eines guten Lebens nicht genauso individuell wie jeder Einzelne? Bestimmt unsere Einzigartigkeit das Gute?

Lassen wir unterschiedliche Menschen zu Wort kommen, so hören wir unterschiedliche Versionen eines guten Lebens: Reichtum und Ansehen, Spaß bis zum Abwinken, seinen Wünschen und Sehnsüchten nachgehen, einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten, die Natur erkunden, sich selbst entwickeln usw. Für die einen ist das gute Leben Wohlstand, für die anderen die Erschaffung einer bedeutungsvollen Existenz. Schließt das eine das andere aus oder ist die Kombination beider Definitionen die Antwort auf unsere Frage? Oder sehen Philosophen es gar ganz anders?

 

Das gute Leben zu leben macht uns frei. Es ist ein Leben, das uns zufrieden macht, Erfüllung und Glück bringt und unserer Existenz einen Sinn verleiht. Anstatt egozentrisch vor uns hinzuleben leisten wir unseren Beitrag für die Gemeinschaft und machen diese Welt zu einem besseren Platz für uns und andere. Zufriedenheit und Erfüllung werden nicht durch materielle Güter alleine erreicht, sondern in gleichem Maße mittels Entdeckergeist, Selbstbeherrschung und gemeinschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. 

Die Natur der Dinge zu hinterfragen, zu untersuchen und zu reflektieren ist laut Sokrates (griechischer Philosoph, 469 v.Chr.) die einzig lebenswerte Gangart. Wenn ein Mensch seinen Tagesablauf ohne ihn jemals zu hinterfragen unabänderlich wiederholt, lebt er laut Sokrates kein gutes Leben. Jemand, der nicht reflektiert über das Geschehene, ebenso. Überprüft jemand nicht, was und warum er etwas schätzt - dito. Aber das alleine reicht nicht aus. Selbstbeherrschung ist eine unentbehrliche Zutat für ein gutes Leben. Unsere Wünsche und Leidenschaften drängen sich gerne in den Vordergrund und wir laufen Gefahr, unser Dasein gänzlich nach ihnen auszurichten. Geschieht dies, überlassen wir unseren eigensinnigen Instinkten das Ruder. Wenn wir aber unsere menschliche Fähigkeit einsetzen, über unsere Handlungen nachzudenken und sie zu hinterfragen, steuern wir unser Leben selbst mit allen uns Menschen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. 

Aristoteles (griechischer Philosoph, 384 v.Chr.) geht einen Schritt weiter und ergänzt das gute Leben um Kontemplation (das Schärfen der Wahrnehmung und der Achtsamkeit für das, was ist), lernen und die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten, um das rechte Handeln zu ermöglichen. 

 

Was immer sich jeder aus den Überlegungen der Philosophen mitnehmen möchte oder es lieber sein lässt, steht ruhig für sich da wie die flatternden Segel im Wind. Wir alle wissen von Menschen, deren Kompass für ein gutes Leben Reichtum, Macht, Ansehen oder Vergnügen sind. Wir alle wissen von Menschen, die sich darauf ausrichten, ein wertvoller, uneigennütziger Beitrag zum Leben auf der Erde zu sein. Selbstbeherrschung, hinterfragen, lernen und Verantwortungs-bewusstsein für die Gemeinschaft eignen sich definitiv als wertvolle Qualitäten für das gute Leben.