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Frisch, saftig, steirisch

Wer glaubt, was auf Verpackungen drauf steht, ohne zu überprüfen, ob dies denn stimmen kann, läuft Gefahr schlichtweg belogen zu werden. Gerade bei Naturheilmitteln gibt es viele unseriöse Anbieter, die mit gutgläubigen und gesundheitswilligen Menschen ein böses Spiel betreiben. Die angebotenen Naturmittel kosten grundsätzlich viel Geld und werden privat bezahlt, da Prophylaxe von den Gesundheitskassen nicht unterstützt wird. Wenn nun diese Mittel wirkungsarm bis wirkungslos sind, weil minderwertige Qualität verarbeitet wurde, kommen die Anwender zurecht zu dem Urteil, dass Naturheilmittel nicht das halten, was sie versprechen. Meine Großmutter sagte immer: Es ist für jedes Wehwehchen ein Kraut gewachsen. Und dann sagte sie noch: Prüfe, wer sich ewig bindet! Ich möchte diese beiden Zitate zu einem zusammenfügen: Prüfe die Bezugsquellen deiner Kräuter, damit sie deinen Wehwehchen auch wirklich gewachsen sind!

Da ich mich in den vergangenen Monaten mit dem Einjährigen Beifuss intensiv auseinander gesetzt habe, nehme ich dieses Heilkraut als Beispiel stellvertretend für das Ganze.

Die Artemisia annua ist eine hochgewachsene, buschige Pflanze mit zarten, fein verzweigten Blättern, in denen die geballte Kraft ihrer umfangreichen Wirkung gespeichert ist. Die Stängel, an denen die Blätter wachsen, sind hingegen wirkungslos. Da wir in unserer Familie mehr Artemisia verbrauchen, als ich im Garten angebaut habe, beziehe ich den Tee und das Pulver der Pflanze von einem Bio-Kräuterbauern in unserer Nähe. Pulver und Tee sind grasgrün und duften aromatisch. Das verriebene Blattwerk im Tee ist fein und frei von jeglichen Stängeln.

Nun hat meine Mutter im Reformhaus einen Artemisia-Tee in Bioqualität gekauft. Weil ich neugierig war, wie dieser aussieht, habe ich einen Blick in die Verpackung geworfen: grob gehäckseltes, braunes Material ohne den typisch aromatischen Geruch war da zu sehen. Statt der grünen Blätter wurden die bräunlichen Stängel mitverarbeitet - das ist zwar für den Produzenten interessant, weil die Stängel das Gewicht drastisch erhöhen, aber für den Konsumenten enttäuschend, denn die wirkintensiven Blätter machen nur einen Bruchteil dieses Teegemischs aus. Damit sind 5g dieses Tees nicht mit der Wirkung von 5g des Tees meines Bio-Kräuterbauerns vergleichbar. 

Dasselbe gilt für Artemisia-Kapselprodukte. In gutem Glauben an die Qualität der Bezugsquelle habe ich Artemisia-Kapseln bestellt und aus Neugierde eine Kapsel geöffnet. Darin war braunes Granulat statt grünes Pulver - die Vorteile von Granulat liegen im Produktionsprozess zu Lasten der Qualität und damit der optimalen Wirkungsweise. 

So grün sollen Kapseln mit Artemisia annua aussehen. Ist der Inhalt braun oder grau, wurde das Kraut wahrscheinlich in der prallen Sonne getrocknet. Dadurch verflüchtigen die ätherischen Öle und das Grün vergeht. Eine schonende Trocknung erhält die Wirkstoffe.

Bevor wir also Natur(heil)mittel pauschal abwerten und unser Urteil darüber fällen, müssen wir immer die Qualität prüfen. Das lässt sich natürlich nicht überall leicht bewerkstelligen. Wichtig ist, das Produkt einem optischen Test, einem Geruchs- und einem Geschmackstest zu unterziehen. Menschen, die sich mit Kräutern gut auskennen und viel Erfahrung haben, können ebenfalls zu Rate gezogen werden. Bei geringsten Zweifeln besser einmal nicht hingreifen und weitersuchen. Oder aber: selber herstellen. Für pulverisierte Kräuter gibt es einige seriöse Bezugsquellen, vegane Leerkapseln von guter Qualität lassen sich auch leicht finden und ein gutes Kapselfüllgerät ist eine einmalige Investition von rund dreißig Euro. Und allen Hobbygärtnern mit grünem Daumen steht die Möglichkeit offen, sich ihre Heilkräuter selber zu ziehen und sich im Herbst an der Ernte und an der Verarbeitung zu erfreuen.